IN MEMORIAM GIORDANO BRUNO

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An die WELT (07.03.2003) 7,5 Cent vom Finanzminister

Posted by Gerhard Altenhoff - Juli 17, 2007

 

 

 

 

 

 

Blanker Hans

Die Welt

 

Z. Hd. Herrn Hans-Jürgen Leersch

Brieffach 24 10

 

7.3.2003

 

10888 Berlin

 

„Wer für Eichel wirbt, erhält 7,5 Cent“

 

(DIE WELT v. 31.1.03)

 

Sehr geehrter Herr Leersch,

 

Sie erhalten von mir 7,5 Cent, wenn Sie für mich Werbung machen. – Garantiert BAT (Bar auf Tatze).

 

Aber Sie werden für mich keine Werbung machen, denn dazu bedarf es der wenig verbreiteten Gabe des Lesens.

 

Wären Sie der Gabe des Lesens kundig, hätte Ihnen nicht entgehen dürfen, wer im Impressum der „Zeitschrift“ PROCENT als Herausgeber genannt wird. Und wenn Sie zumindest das Impressum gelesen hätten, wären Sie als Mitarbeiter eines unabhängigen Presseorgans mit ganz anderen Tönen gegen diesen Anschlag auf die Pressefreiheit losgegangen. Diesbezüglich verweise ich auf mein Schreiben an Ihre Medienredaktion v. 28.1.2003.

 

Ich habe für viele Dinge Verständnis, da ich selbst massiv unter sozialer Phobie zu leiden habe. Da kommt manchmal kein Wort heraus. Aber ich habe kein Verständnis für eine Art kollektiver sozialer Phobie bei gleichzeitigen verbalen Eruptionen, die samt und sonders neben der Sache liegen oder Nebensächlichkeiten zu Headlines hochstilisieren.

 

Bisher habe ich DIE WELT und die FAZ für seriöse, der Wahrheit verpflichtete Medien gehalten. Aber weder DIE WELT noch die FAZ sind darauf vorbereitet, das zu tun, was C. Hillgruber unter der Überschrift „Scheinbares Wohlbefinden“ von den Medien fordert: einfach die Wahrheit zu sagen.

 

Die Forderung nach der Wahrheit lauthals herauszuschreien, das ist einfach. Sie aber zu erfüllen, erst das erfordert Mut und Zivilcourage. – Zivilcourage, der „Aufstand der Anständigen“, ist es nicht das, was der „Kanzler“ vor nicht allzu langer Zeit von „seinem“ Volk verlangt hatte? – Ja, dann „Arsch hu un Zäng usenanner“!

 

Die Wahrheit zu sagen, ich gebe es zu, das ist nicht einfach und kostet Überwindung. Hillgruber ist darin beizupflichten, daß die Verkündung eines Sachverhalts, der der Wahrheit näher kommt als die wiedergekäuten „Wahrheiten“ der virtuellen Realität, selbst ein beispielloses Medienevent darstellen würde. – Aber dieses Medienevent will keiner haben. Er zerstört nämlich die zarten Bande zwischen Macht und Medien. – Kein Wunder also, daß die Presse den massiven Anschlag des Finanzministers auf die Pressefreiheit erst gar nicht als solchen wahrnimmt.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

(…)

 

Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen kamen in die Welt, weil die WELT just zu dem Zeitpunkt (6.3.03 am Abend), da ich die obigen Zeilen verfaßte, die Rotationsmaschinen anwarf, die auf Seite 1 folgenden Text zu Paper brachte:

 

 

 

Elf Tote bei Vergeltungsschlag der Israelis

 

Nach dem blutigen Selbstmordattentat auf einen Bus in Haifa wurden bei Militäraktionen in Gazastreifen mindestens elf Palästinenser getötet.

 

Nach meinen Feststellungen ist die menschliche Wortsprache ein nach dem Baukastenprinzip organisiertes System zur hochauflösenden akustischen Übertragung von Bildern. Und deswegen kam mir heute morgen bei der Lektüre der WELT der Kaffee hoch: Durch die Verwendung der Worte blutig und Selbstmordattentat bekommt die Handlung eines Menschen einen negativen, dämonischen Beigeschmack. Ganz natürlich und banal wirken demgegenüber Tötungshandlungen, die andere Menschen vorgenommen haben. – Selbstverständlich und wie eine Nachricht auf dem Spiegel einer Damentoilette:

 

Elf Palaestinenser bei Militaeraktion getoetet!

 

Nun, der Tod der (mindestens) elf Palästinenser war mit Sicherheit weder beabsichtigt noch voraussehbar. Man hat sie nicht erschossen, erstochen oder erschlagen, nein! – Wenn überhaupt, dann hat man sie unblutig und human eingeschläfert. Vielleicht sind sie aber auch einfach an Maul- und Klauenseuche gestorben, wer weiß das schon?

Das BILD, das die WELT damit erzeugt, ist in seiner Wirkung so verheerend wie das Bild, das der „Führer“ mit seinen Worten vom 1.9.39 erzeugt hatte: „Seit fünf Uhr fünfundvierzig wird jetzt zurückgeschossen, von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!“Begründung: Es wird mit der Wortwahl ein Werturteil über die Handelnden und die Betroffenen gefällt. Ohne entsprechendes Werturteil ergibt sich über denselben Vorgang folgende Aussage:

Ein Mensch sprengte sich in Haifa in die Luft. Mindestens 16 andere Menschen kamen dabei ums Leben. Viele Menschen wurden dabei verletzt. Als Folge davon gaben Menschen, die eine soziale Dominanzstellung innehaben, anderen Menschen den Auftrag, Menschen, die mit dem Vorgang selbst nichts zu tun hatten, anzugreifen, deren Eigentum zu zerstören und mit zumindest bedingtem Tötungsvorsatz auf sie zu schießen. – Diese Darstellung des Sachverhalts ist zwar langweiliger, aber realistischer. Aber nur die nüchterne, realistische, ja geradezu zynische Darstellung menschlichen Handelns kann den Sinn dafür wecken, daß es nicht einen einzigen Menschen auf dieser Welt gibt, den man außerhalb einer unmittelbaren Notwehr- oder Notstandshandlung (im engen strafrechtlichen Maßstab) ungestraft umbringen darf.

 

Es gibt weder Israelis noch Palästinenser, es gibt keine Deutschen, Franzosen oder Amerikaner. Es gibt keine Eskimos, keine Pygmäen, keine Sioux, keine Hutus, Tutsis oder Cherokees. Es gibt nur Menschen. Und es gibt „Etiketten“, die Menschen sich selbst und die sie anderen Menschen anheften. – Solange das Etikett, das ein Mensch zu tragen genötigt ist, für wichtiger gehalten wird als die simple und banale Feststellung, daß alle Menschen Artgenossen sind, werden Bush, Blair, Schröder & Co die „Welle machen können“. Und die „Medien“ werden speichelleckend so mitziehen, wie Goebbels es sich immer erträumt hatte: ganz ohne Zwang und Zensur.

 

Direkt unterhalb Ihres von mir inkriminierten Artikels befindet sich der Balkencode Ihrer Zeitung. Nur zwei Buchstaben trennen ihn vom Balkenkot. Und nur ein Buchstabe trennt den Dichter Busch vom Henker Bush:

 

Ach was muß man oft von bösen Buben hören oder lesen, wie zum Beispiel hier von diesen, die Saddam und Osama hießen…

 

Grüßen Sie mir bitte Ihren geschätzten Herrn Zippert.

Mit freundlichen Grüßen

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